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Es leuchtet nachts im Park
Alljährlich finden im Palmengarten in Frankfurt zur Jahreswende die Winterlichter statt. Markante Bäume und Gebäude werden in bunten Farben angestrahlt und verschiedene Lichtobjekte im Park verteilt. Dies sind entweder abstrakte Formen oder auch Figuren wie Einhörner, Hirsche, Vögel ebenso wie künstliche, überdimensionierte Blüten. Die Grenze zum Kitsch ist schnell überschritten, vor allem bei den letzten Winterlichtern 2025/26.
Aber was so quitschbunt daherkommt, kann mit einer kreativen Technik, nämlich der gestischen Photographie, in ansprechende Lichtmalerei verwandelt werden. Und wenn die Farbe stört, bietet sich eine Umwandlung in Schwarzweiß an.
Gestische Photographie: kreativ und entspannend
Wer nachts mit der Kamera unterwegs ist, kommt meist an einem Stativ nicht vorbei. Plant man jedoch, die statischen Leuchtobjekte mit bewegter Kamera aufzunehmen, so bleibt die Ausrüstung klein und leicht. Diese Vorgehensweise wird gestische Photographie oder ICM (Intentional Camera Movement) genannt. Wie der Name schon sagt, wird während des Auslösens die Kamera bewegt: von oben nach unten, seitwärts, im Kreis, im Dreieck, in Wellen, u.s.w. . Außerdem kann man die Kamera still halten und am Zoomring drehen, oder umgekehrt, den Zoomring festhalten und die Kamera drehen. Die Belichtungszeit und die Bewegungsgeschwindigkeit bestimmen den Abstraktionsgrad des Bildes. In jedem Fall bleibt im Ergebnis eine Komponente der Zufälligkeit, und diese ist der Spaß der Angelegenheit.
Es gibt wenige Regeln für das gestische Photographieren; vor allem heißt es, viel ausprobieren. Ich nutze für die Aufnahmen aus der Hand Belichtungszeiten von ein bis zwei Sekunden bei relativ stark geschlossener Blende und niedrigem ISO-Wert. Diese Angaben können in einem anderen Umfeld ganz anders lauten. Während des Auslösens halte ich gern die Arme fest am Körper, um unkontrollierte Bewegungs-richtungen zu vermeiden. Oft wird empfohlen, den Bildstabilisator auszuschalten. Das hatte ich vergessen. Daher habe ich später ein paar Testaufnahmen mit und ohne Stabilisator gemacht und konnte keinen Unterschied feststellen.
Auf die Bewegungsrichtung kommt es an!
Es macht allerdings einen großen Unterschied, ob die Kamera in der Bewegung auslöst oder am Anfang einen kleinen Moment stillhält. Letzteres führt dazu, daß man das Motiv noch gut erkennen kann und der Eindruck entsteht, es bewege sich in eine bestimmte Richtung. Dabei muß die Kamera in die entgegengesetzte Richtung geschwenkt werden. Dies wird an nebenstehendem Beispiel deutlich: Bei einem Rechtsschwenk „fährt“ das Boot rückwärts, bei einem Linksschwenk vorwärts. Zumindest für mich ist das kontraintuitiv.
Ein zweites Beispiel ist die Aufnahme mit Gesichtsprofilen. Im Original bestehen sie nur aus „Lichtlinien“. Hier wird überdies deutlich, daß man auch ohne Stativ scharfe Linien zeichnen kann, indem man mit eng anliegeden Armen den Körper und nicht den Kopf nach rechts dreht .
Schaut man sich im weltweiten Netz um, so findet man unter dem Stichwort „ICM“ meistens Bilder, die sehr weich gezeichnet wirken. Dies unterstreicht den malerischen Eindruck der Aufnahmen. Aber auch dann kann die Bewegungsrichtung wichtig sein, wie das Bild mit den Herzchen zeigt. Damit letztere auf der Spitze stehen, muß die Kamera umgekehrt geführt werden, also mit der Spitze nach oben. Um die Form vollständig zu „malen“, habe ich eine Belichtungszeit von zwei Sekunden (Blende: 16, ISO-Wert: 160) gewählt.
Ein Standort, ein Motiv: Die Photographin macht den Unterschied
Was macht mehr Spaß, als allein zum Photographieren zu gehen? Na, klar, mit der besten Freundin Carola unterwegs zu sein! Wir sind ja schon ein eingespieltes Team. Man kann sich nicht nur vor Ort austauschen, sondern vor allem später die Aufnahmen vergleichen.
Bei gestischer Photographie ist dies besonders interessant, denn es zeigt die Individualität der Aufnahmen von ein und demselben Motiv von ein und derselben Stelle. In der linken Spalte sind meine, in der rechten Spalte Carolas Bilder zu sehen. Carolas Photos wirken dynamischer als meine; dies ist besonders gut an der Spirale zu erkennen, die Carola in einen dreidimen-sionalen Trichter verwandelt hat.
Auch bei dem mit wechselnden Farben beleuchteten Tunnel zeigen sich sehr unterschiedliche Herangehensweisen: Ein gradliniger Zoom-Burst (aus der Hand) versus lockere Bewegungen mit der Kamera.
Was gefällt Euch besser?
Übung allein macht nicht den Meister
Die Einzigartigkeit der einzelnen Bilder macht die gestische Photographie besonders interessant. Die Aufnahme kann nicht wiederholt werden, um z.B. eine Korrektur an der Belichtung vorzunehmen. Es braucht viele Versuche, um aus einer Bildidee ein ansprechendes Photos zu machen. Es ist auch nicht so einfach, den richtigen Bildausschnitt zu treffen. Bis zu einem gewissen Grad macht zwar Übung den Meister, aber Kameraeinstellungen und Bewegungen müssen je nach Motiv und Lichtverhältnissen immer wieder neu ausprobiert werden.
Das Photographieren bei Nacht erleichtert vieles. Lediglich auf die Belichtungsautomatik sollte man verzichten, da die Bilder sonst zu hell werden. Man braucht keinen Graufilter, um lange Belichtungszeiten zu ermöglichen. Außerdem schluckt die Dunkelheit oft störende Bildelemente. Als Motive bieten sich klare Strukturen mit nicht zu viel Kleinteiligkeit an, z.B. Architektur, (Stadt-)Landschaften oder Blüten. Jedes dieser Themen benötigt andere Herangehensweisen. Ein Stativ ist immer dann wichtig, wenn nur eine Bewegungsrichtung oder ein Zoom Burst präzise ausgeführt werden soll.
Um Perfektion geht es aber im allgemeinen nicht. Gestische Photographie lebt von Unschärfen und Zufälligkeiten, sie ist entspannend und macht ungeheuer viel Spaß. Die üblichen photographischen Überlegungen haben Pause.