ANDREA GUBITZ | Heimat-Photographie

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ANDREA GUBITZ – Heimatphotographie

Abstrakte Photographie (Teil 2/3): Unschärfe

Abstrakte Photographie

(Teil 2/3):

Unschärfe

Inhalt

Abstraktion durch Unschärfe

Unschärfe ist ein bedeutendes Gestaltungsmittel in der abstrakten Photographie. Es geht – wie schon in meinem ersten Beitrag zu diesem Thema erläutert – darum, sich vom Gegenständlichen zu entfernen. Hierbei mag das ursprüngliche Motiv noch zu erkennen sein, es spielt aber keine tragende Rolle mehr. Vielmehr stehen Farben, Formen und Stimmungen im Vordergrund. Während in der „normalen“ Photographie zumindest das wichtigste Bildelement scharf sein sollte, ist es in der abstrakten Photographie genau umgekehrt: das wichtigste Element ist unscharf. Besonders deutlich wird dies beispielsweise auf Photos von Michael Wesely und Alexey Titarenko.

Krokusse im Garten
Krokusse: 200 mm (KB), f 5,6, 1/200 sec., ISO 400

Nun ist es ja kein Problem, ein unscharfes Photo zu machen. Ein kleiner Dreh am Fokusring, und schon ist es passiert.  Nicht jeder photographische Unfall ist allerdings eine abstrakte Aufnahme. Vielleicht erinnert sich mancher Leser noch an die gute alte, analoge Zeit. Wir haben auf Reisen Diafilme genutzt, also waren die Bilder „off camera“ in Reinform. Keine Nachbearbeitung oder gar KI-basiertes Nachschärfen, kein Bildstabilisator, oft auch kein Autofokus, keine Fokuslupe oder Kantenerkennung. Dafür gab es damals Schnittbildentfernungsmesser, die es erlaubten, im Sucher perfekt scharf zu stellen.

Unschärfe geschickt für ein in Gestaltung und Bildaussage stimmiges Photo zu nutzen, ist allerdings nicht einfach. Am Anfang steht die Bildidee, und dann beginnt eine Phase des Versuchs und Irrtums. Die Schärfe kennt nur einen Punkt; für die Unschärfe gibt es indes unendlich viele Einstellmöglichkeiten, von denen nur ein sehr kleiner Teil für das Bild funktioniert. Das gilt nicht nur für den Fokus, sondern auch für die Belichtungszeit, wenn es um Bewegungsunschärfe geht. Vieles ist möglich, Weniges klappt.

Das unscharfe Motiv

Spiegelung auf Edelstahlfassade in einem der Gehry-Bauten in Düsseldorf
Spiegelung auf Edelstahlfassade: 40 mm (MFT), f 9, 1/40 sec., ISO 200

Unschärfe muß nicht notwendigerweise in der Kamera erzeugt werden. In vielen Fällen ist das Motiv selbst unscharf, z.B. wenn wir durch eine beschlagene Scheibe oder ein schmutziges Fenster photographieren. Auch Spiegelungen auf Gebäudeoberflächen oder verspiegelten Wänden können ein Motiv verfremden, wie die beiden Bildbeispiele zeigen.

Spiegelwand im Städel, Frankfurt
Spiegelwand im Städel: 40 mm (MFT), f 3,5, 1/25 sec., ISO 800

Bewegungsunschärfe

Blüte im Wind, unscharf durch Bewegung
Blüte im Wind: 80 mm (APS-C), f 16, 0,5 sec., ISO 100

Die wohl reizvollste Abstraktion in der Photographie ist die Bewegungsunschärfe. Sie entsteht entweder durch die Bewegung des Motivs, z.B. bei einem Wasserfall, oder durch die Bewegung der Kamera während der Aufnahme, z.B. bei Mitziehern. Darüberhinaus lassen sich die beiden Varianten natürlich auch kombinieren.

Die nebenstehende Aufnahme ist vom Stativ aus entstanden. Die Wetterverhältnisse waren für die normale Blütenphotographie denkbar ungeeignet, denn es blies ein recht starker Wind. Die Herausforderung bestand darin, die richtige Böe zu erwischen und die Belichtungszeit passend einzuschätzen. Beides erfordert Zeit und viele Versuche.

Auch bei den nächsten beiden Bildern ging es um die Bewegung des Motivs. Um eine Belichtungszeit von einer Sekunde zu erzielen, hat die hereinbrechende Dunkelheit sehr geholfen. Im dritten Photo habe ich versucht, den auffliegeden Vogel scharf zu bekommen; hier hat sich also sowohl das Motiv als auch die Kamera bewegt. Licht und Farben stammen von der städtischen Umgebung eines Weihers.

Intentional Camera Movement (ICM)

Die Königsklasse in Sachen Bewegungsunschärfe im Bild ist das gezielte Bewegen der Kamera während der Belichtung, zumeist bekannt unter dem Kürzel ICM. Eine Meisterin dieses Genres ist Olga Karlovac. Sie hat sich ganz der Unschärfe und der Schwarz-Weiß-Photographie verschrieben. Mir gefallen Ihre Bilder von Sraßenszenen besonders gut.

Die häufigste Bewegungsrichtung ist die Senkrechte, d.h. die Kamera wird von oben nach unten oder umgekehrt von unten nach oben bewegt. Die Ergebnisse können durchaus sehr unterschiedlich aussehen. Wichtig ist, vorab zu überlegen, was vom ursprünglichen Motiv übrig bleiben soll, z.B. nur die Farben, wie bei den ersten drei Bildern, die eine kleine Serie bilden. Auch die mittlere Aufnahme ist durch eine senkrechte Bewegung entstanden, und anschließend wurde das Photo gedreht.

Ein Tipp: Erst auslösen, wenn die Kamera schon in Bewegung ist, sonst sind oft die Aufsatzpunkte zu sehen.

Die Bewegungsrichtung ist natürlich beliebig wählbar: Bögen, Kreise, Wellenlinien usw. Zwei besondere Techniken lassen sich nur mit einem Zoomobjektiv verwirklichen. Für die erste Variante braucht man ein Stativ. Dann wird während der Belichtung der Zoomring gedreht. Hierdurch entstehen strahlenförmige Strukturen wie auf dem zweiten Bild zu sehen. Bei dieser Technik wird auch das Zentrum der Strahlen unscharf, da sich der Fokus bei unterschiedlichen Brennweiten leicht verändert. Wer das nicht möchte, führt zwei Aufnahmen – eine gezoomte und eine scharfe – in einer ebenenbasierten Bearbeitungssoftware zusammen. In der zweiten Variante hält man den Zoomring fest und dreht die Kamera; dadurch entsteht ein Wirbel wie auf dem dritten Bild zu sehen. Beide „Zoomvarianten“ nutze ich eher selten, da es oft nur ein netter Effekt ist.

Projekt Nr. 1: Strukturen aus Licht

Wenn es nicht nur um einen solchen Effekt gehen soll, so ist Planung nötig. Eine Kirmes bei Dunkelheit war mein Ziel, und zwar speziell die Lichtspuren von Fahrgeschäften. Aufgrund des Gedränges war an den Aufbau eines Stativs nicht zu denken. Also wurde aus meinem Vorhaben ein „Freihand-Shooting“ mit bewegten Motiven und bewegter Kamera. Erst einmal sollte man die Bewegungsrichtungen einzelner Karusells genau beobachten, um das ergänzende Pendant zu bestimmen. Besonders deutlich wird die Technik an dem zweiten Photo: Das Motiv war eine Art Freifallturm, bei dem eine Gondel senkrecht aufsteigt, um dann kontrolliert nach unten zu fallen. Die Kamera habe ich schräg bewegt. Zum guten Schluß wurde das Bild um 90 Grad gedreht. Herausgekommen ist eine Art metallisches Gewebe.

Die besten Photos entstehen – wie so oft – in der Blauen Stunde. Die Bilder habe ich 2017 auf dem Höchster Schloßfest  aufgenommen.

Projekt Nr. 2: Photographieren aus dem Zug

Viele Menschen nutzen tagtäglich den Zug oder die Straßenbahn. Sie schauen zu, wie die Gebäude an Ihnen vorbeirauschen. Diese Eindrücke wollte ich photographisch festhalten.

Besonders geeignet für ein solches Vorhaben ist ein Doppelstöcker. Die erhöhte Position im oberen Wagonbereich ermöglicht eine bessere Perspektive auf die Umgebung. Außerdem fahren diese Züge nicht so schnell. Ich war von Frankfurt-Höchst zum Hauptbahnhof unterwegs, und zwar in dem Zug, der aus Limburg kommt.

Im ersten Photo habe ich die Kamera ruhig gehalten, die Bewegungsunschärfe entsteht also nur durch den fahrenden Zug. In den nächsten beiden Aufnahmen habe ich die Kamera auch nach unten geschwenkt (die Schräge entsteht duch die Zugbewegung). Beim dritten Bild fährt der Zug im Vergleich zum zweiten deutlich langsamer, sodaß die senkrechten Strukturen viel stärker betont werden. Es ist zwar nicht ganz so abstrakt wie die ersten beiden Bilder, es gefällt mir aber trotzdem am besten.

Fünf Gedanken zum guten Schluß

(1) Unscharfe Photos wirken leicht etwas flau, da sich Linien und Farben mischen. Das gilt vor allem für Bewegungsunschärfe. Kontrastreiche Motive sind daher oft ein gute Wahl. Bei der Nachbearbeitung kommt häufig der Klarheits- und der Sättigungsregler zum Einsatz. Nur Mut – hier darf es ruhig etwas mehr sein.

(2) Bei Tageslicht muß die Blende stark geschlossen werden, um lange Belichtungszeiten überhaupt zu ermöglichen. Das ist sogar ein Vorteil, denn eine geringe Tiefenschärfe ist bei diesen Bildern eher hinderlich. Auch ein Graufilter ist ein nützliches Zubehör.

(3) Die richtige Belichtungszeit muß ausprobiert werden. Ich komme ganz gut mit Zeiten zwischen 0,25 und 1,5 Sekunden zurecht. Sie passen zu der Geschwindigkeit, mit der ich die Kamera bewege. Es kommt aber natürlich auch oft das Motiv selbst an. Sind zum Beispiel fließende Gewässer oder ziehende Wolken im Spiel, braucht man deutlich längere Belichtungszeiten.

(4) Steht die Kamera auf dem Stativ, so kann ein Fernauslöser hilfreich sein. Dann muß man nicht einmal auf das Display schauen.

(5) Unscharf zu photographieren hat etwas sehr Befreiendes, da (fast) alles erlaubt ist, was wir sonst vermeiden müssen. Aber Vorsicht: Nicht wahllos auf den Auslöser drücken! Massen von Bildern müssen durchgeschaut werden, und zu viel Ausschuß führt zu Frustration. Auch das Löschen in der Kamera ist hier ausnahmsweise erlaubt.

Fazit: Nicht jedes unscharfe Photo ist abstrakt, aber Unschärfe ist ein wichtiges Mittel der abstrakten Photographie.

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