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Städtetrip nach Gelsenkirchen
Sucht man im weltweiten Netz nach den besten Städtetrips in Deutschland, so ist Gelsenkirchen mit Sicherheit nicht dabei. Die angeblich ärmste Stadt im Lande ist wahrlich kein Tourismusmagnet. Warum man sie trotzdem besuchen sollte, erfahrt ihr in diesem Beitrag.
Das alljährliche Klassentreffen in meiner alten Heimat ist immer ein guter Anlaß, eine Stadt im Ruhrpott genauer kennen zu lernen. Auf die Architektur des Backstein-Expressionismus aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bin ich durch ein Buch aufmerksam geworden: „Fragments of Metropolis – Rhein&Ruhr“. Gelsenkirchen hat hier besonders viele, gut erhaltene Gebäude zu bieten. Eine kleine Broschüre der Stadt, erhältlich bei der Touristeninformation im Hans-Sachs-Haus, erleichtert die Erkundungstouren enorm.
Das Hans-Sachs-Haus
Das Hans-Sachs-Haus mitten in der „Altstadt“ ist das wohl bekannteste Bauwerk der Stadt. Es war ursprünglich als reines Bürogebäude geplant und später durch einen Mehrzwecksaal mit einer großen Konzertorgel ergänzt. Fertiggestellt wurde es 1927, der Architekt war Alfred Fischer, damals Professor an der Folkwangschule in Essen. Stilistisch stellt es ein Bindeglied zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit dar. Hans Sachs, der Namensgeber, war ein Meistersinger und Dramatiker aus Nürnberg.
Aufgrund von Baumängeln aus der ursprünglichen Bauzeit sowie an den Ergänzungsbauten aus den fünfziger Jahren und starker Zerstörung im Zweiten Weltkrieg sollte das Gebäude 2005 vollständig abgerissen werden. So weit ist es dann doch nicht gekommen. Unter Erhalt der Fassade entstand ein modernes Gebäude für den Rat, die Verwaltung und die Bürgerschaft Gelsenkirchens.
Die Heilig-Kreuz-Kirche
Ein wichtiges Werk expressionister Backsteinarchitektur ist die Heilig-Kreuz-Kirche im Ortsteil Ückendorf. Nach Plänen von Josef Franke wurde sie zwischen 1927 und 1929 erbaut. Sie liegt etwas abseits der Straße, ist aber leicht zu finden. 2007 wurde sie als katholische Kirche aufgegeben und dient heute als Raum für Kulturveranstaltungen. Daher ist der Innenraum leider nicht öffentlich zugänglich.
Der massige Bau mit einer großen gemauerten Christusfigur als Abschluss des Turms wirkt wie eine Trutzburg. Das prägende Stilmittel ist die Parabel, die sich an vielen Stellen der Fassade und an den Fenstern entdecken läßt. Die Steinblöcke an der Fassade symbolisieren die 12 Apostel.
Wohngebäude
Neben den beiden „Vorzeigeobjekten“ gibt es in Gelsenkirchen eine ganze Reihe anderer interessanter Gebäude, Geschäfts- ebenso wie Wohnhäuser. Zwei Mehrfamilienhäuser stechen besonders hervor: Das Haus am Ringeck aus den Jahr 1927, ebenfalls erbaut von Josef Franke, der eine ganze Reihe von Bauten in Gelsenkirchen entworfen hat. Nicht weniger bemerkenswert ist das Haus „Am Stern“, entworfen von Theodor Waßer, neben Josef Franke ein wichtiger Vertreter des Backstein-Expressionismus im Ruhrgebiet. Eine Reihe von attraktiven Wohngebäuden läßt sich auch in Buer, seit 1928 ein Stadtteil von Gelsenkirchen, entdecken.
Ein Katzensprung nach Oberhausen
bestens bekanntberhausen ist nur einen Katzensprung von Gelsenkirchen entfernt. Dort gibt es gleich zwei ausgesprochen schöne Gebäude zu bestaunen.
Als erstes sei das Rathaus genannt. Es ist ein prächtig gestalteter Bau, an dem es viele Schmuckelemente zu entdecken gibt. Ein erster Entwurf geht auf Friedrich Pützer zurück, der vor allem in Darmstadt kein Unbekannter ist. Die Realisierung des Gebäudes verzögerte sich unter anderem durch den Ersten Weltkrieg und wurde schließlich von Ludwig Freitag, einem Schüler Pützers, 1930 vollendet.
Nicht verpassen: Im Foyer und im Treppenhaus gibt es einige hübsche Bauelemente zu entdecken – und man kann Paternoster fahren.
Kommen wir nun zu einem richtig berühmten Architekten: Peter Behrens. Er entwarf das Hauptlagerhaus der Gutehoffnungshütte, mit 90 m Länge ein imposantes Gebäude, fertiggestellt 1925. Heute beherbergt es ein Sammeldepot und eine Ausstellung des LVR-Industriemuseum. Die Dauerausstellung „Peter Behrens – Kunst und Technik“ sollte man unbedingt besuchen. Für Frankfurter, genauer Höchster, ist Peter Behrens bestens bekannt; aber daß das Logo von Kaiser’s Kaffeegeschäft (die Älteren unter uns haben dort vielleicht noch eingekauft), die lachende Kaffekanne, von ihm stammt, war mir neu.
Die Rhein-/Ruhr-Region: eine Fundgrube für Architekturliebhaber
Denkt man an die Architektur der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, so fallen einem zuerst das Bauhaus und, als Frankfurter, die Ernst-May-Siedlungen ein. Hier steht das Baumaterial Backstein nicht im Vordergrund; eine Ausnahme sind die Bauten von Martin Elsässer; prominentes Beispiel ist die Großmarkthalle in Frankfurt, in der sich heute die EZB befindet.
An Rhein und Ruhr hat praktisch jede Stadt beeindruckende Gebäude aus der Zeit des Backstein-Expressionismus zu bieten. Es lohnt sich also, dort immer mal wieder auf eine Erkundungstour zu gehen, und wenn es nur auf der Durchreise ist.