Altglas Teil 3/3: Vivitar Serie 1, 90 mm Makro

Eine Feder ist es nicht.

Mitte der siebziger Jahre brachte das Unternehmen Vivitar ein Makroobjektiv heraus, das schnell der Traum vieler Fotografinnen und Fotografen wurde, so auch von mir. Produziert wurde es von Tokina. Als Studentin in Bonn war der Weg zur Photokina nach Köln nicht weit. Also nichts wie hin und angucken: Zu bestaunen gab es ein sehr gut verarbeitetes, hochwertiges Objektiv mit 90 mm Brennweite, einer maximalen Blendenöffnung von f2,5 und einer Naheinstellungsgrenze von 1:2. Dazu wurde noch einen 1:1-Konverter mit Stativschelle geliefert. An den damaligen Preis kann ich mich nicht mehr erinnern, denn leisten konnte ich es mir damals sowieso nicht. Wenig später lag es unter dem Weihnachtsbaum, passend für meine Olympus OM-2 – welch eine Freude!

Vintage-Objektive an digitalen Kameras

Mit dem Wechsel zur Digitalfotografie wechselte ich das Kamerasystem und meine alten Objektive gerieten in Vergessenheit. Das hat sich nunmehr gründlich geändert. Meine ersten Versuche, das Vivitar an meine Vollformatkamera zu bringen, waren nicht besonders erfolgreich, da ich einen Adapter mit einer Linse verwendet habe, um das Auflagemaß auszugleichen. Das ist meist keine gute Idee, und ein solcher Adapter ist auch überflüssig, da das Objektiv ja sowieso meist im Nahbereich und vielleicht noch für Portraits eingesetzt wird.

Inzwischen hat das Objektiv seinen Weg zu meiner spiegellosen Systemkamera gefunden. Mit einem Adapter von der Größe eines Zwischenrings und dem 1:1 Makro-Konverter ergibt sich ein ziemlich langes Rohr an der kleinen Kamera. Außerdem ist das Objektiv ganz aus Metall und damit keine leichte Feder: es wiegt 660 g, mit Konverter 960 g.

Und nun zu den Fotos

Mit offener Blende ist die Tiefenschärfe natürlich sehr gering; dafür wird man mit einem sehr weichen Bokeh belohnt. Die folgenden Fotos sind ohne den 1:1 Konverter gemacht worden.

  • Tomate auf blauer Tischdecke: 90mm (APS-C), ISO 400, f2,5, 1/1500

Abbildungsmaßstab 1:1 – eine kniffelige Angelegenheit

Um den Abbildungsmaßstab 1:1 nutzen zu können, muß man den Konverter verwenden. Nun wird es kniffelig, denn der Schärfepunkt muß durch Bewegung der Kamera gefunden werden. Hier ist ein Makroschlitten sehr hilfreich, es geht aber auch ohne. Für das Foto der Feder (Detail) habe ich ein kleines „Studio“ auf der Terasse aufgebaut: ein Blatt Papier, an einem Gefaß zur Hohlkehle gelegt für den Hintergrund und ein zum Bohnensack umfunktioniertes Badewannenkissen. Das Kissen hat eine glatte Hülle (genäht aus einer billigen Gartentischdecke); dies ermöglicht die Kamera samt Kissen vorsichtig zu ziehen. Für den optimalen Schärfepunkt hilft die Kantenerkennung.

Für das Fotografieren von kleinen Blümchen, Gräsern, Insekten und Ähnlichem in der Natur mußte dann doch der Makroschlitten eingesetzt werden. Wegen der extrem geringen Tiefenschärfe auch bei höheren Blendenwerten wird das Scharfstellen zum Glücksspiel, denn irgendein Lüftchen weht immer. Mit etwas Übung und einer stattlichen Anzahl von Versuchen sind dann aber doch einige Treffer drin. Bei dem weißen Blümchen und den Härchen des Habichtskrauts sitzt der Schärfepunkt gut. Die Spinne – tatsächlich mit bloßen Auge kaum zu erkennen – hat nicht so brav stillgehalten, hier hätte ich mir den Schärfepunkt weiter vorn gewünscht. Alle Bilder der letzten Serie sind nicht beschnitten, um den Abbildungsmaßstab nicht zu verfälschen.

  • Detail einer winzigen Feder: 90 mm (APS-C), f2,5, 1/3 sec., ISO 400

Altglas – Vorsicht Suchtgefahr

Die Serie (https://ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst.net/?p=218, https://ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst.net/?p=264) über meine alten Objektive ist nunmehr abgeschlossen. Ich hoffe, ich konnte den ein oder anderen Leser überzeugen, niemals ein altes Objektiv wegzuwerfen. Adapter kosten meist nur wenige Euro. Alte Linsen warten oft mit besonderen Eigenschaften auf, die den kreativen Spielraum erweitern, selbst wenn sie in der optischen Qualität nicht mit einem modernen Objektiv mithalten können. Hierbei habe ich die Erfahrung gemacht, daß die manuelle Bedienung auch zu einem sorgfältigeren Fotografieren führt. Das nennt man dann wohl fotografische Entschleunigung.

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